DSPB 2017: Messner wird Legende des Sports

Zur Ikonographie einer Sportlegende gehört auch immer „das“ Bild. Boris Becker als jubelnder 17-Jähriger in Wimbledon. Joachim Löw im Maracana-Stadion mit dem goldenen WM-Pokal. Michael Schumacher im ferrariroten Renn-Overall, die Hand zur Siegerfaust geballt. Als Reinhold Messner am 8. Mai 1978 als erster Mensch überhaupt ohne Sauerstofflasche auf dem Gipfel des Mount Everest steht, begleiten ihn keine Kameras, überschlägt sich keine Kommentatorenstimme und in über 8.000 Meter Höhe jubelt nur der Wind. Dennoch hat jeder dieses Bild im Kopf: Messner, zusammen mit Peter Habeler, auf dem höchsten Berg dieser Welt. Zwei Menschen, so unendlich klein und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet, um inmitten gewaltiger Natur die Grenzen des Menschenmöglichen auszuloten. Dass wir diese Bilder bei Messner immer mitdenken, hängt nicht nur mit Aufnahmen späterer Expeditionen zusammen, sondern ist auch im Charisma des Extrembergsteigers verankert. „Reinhold Messner hat den Heroismus des Bergsteigens entmystifiziert und es stilistisch verändert, ohne die extremen, sportlichen Herausforderungen zu verharmlosen“, erklärt Ball-Organisator Jörg Müller, „zudem kämpft er als Autor, Filmemacher und Politiker für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur und wird selbst von seinen Kritikern als geradliniger, integrer Mensch geschätzt.“

Am 4. November erhält Reinhold Messner vom Verein Frankfurter Sportpresse und des  Verbandes Deutscher Sportjournalisten im Rahmen des SportpresseBalls den Ehrentitel „Legende des Sports“.

Reinhold Messner wuchs in Südtirol als zweites von neun Kindern auf, sein Vater nahm den damals Fünfjährigen auf seinen ersten Dreitausender mit. Er studierte Vermessungstechnik, arbeitete anschließend ein Jahr als Mathematik-Hilfslehrer, erhielt die ersten Einladungen zu Expeditionen. Bis heute stand er auf 3.500 verschiedenen Berggipfeln. Er bestieg als Erster den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät, es folgten die weiteren dreizehn Achttausender sowie die „Seven Summits“. Er durchquerte zu Fuß die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi. 1986 wurde er zum „Sportler des Jahres“ in Italien gewählt. Bis heute hat Messner mehr als 80 Bücher dem Alpinismus und Bergsteigen gewidmet und saß von 1999 bis 2004 als Abgeordneter der Grünen im Europa-Parlament. Er führt Regie bei Filmen und rief 2003 das Museumsprojekt Messner Mountain Museum ins Leben, um die spannungsvolle Wechselbeziehung zwischen Berg und Mensch auf verschiedenen Ebenen auszuloten. Heute verteilen sich sechs themenbezogene Einrichtungen auf sechs Standorte, jedes Museum steht an einem besonderen Ort.

Was fasziniert Millionen von Menschen, die sich im Zweifel immer für die Seilbahn statt für den beschwerlichen Weg zum Gipfel entscheiden würden, an diesem Mann und seiner Profession? Sie spüren die klare Aufrichtigkeit seiner Motivation. Reinhold Messner hat nicht aus Kalkül oder gewitztem Geschäftssinn in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine neue Art des Alpinismus geschaffen, und er hat auch nicht aus krankhaft getriebenem Ehrgeiz Rekord um Rekord aufgestellt. Damals tobten Materialschlachten mit aufwendig ausgerüsteten Expeditionen am Berg. Messner sah darin keine Herausforderung, sondern definierte eine neue Form der Steigerung: den Verzicht. Das heißt, auch höchste Berge werden in kleinen Seilschaften, in einem Zug und ohne Infrastruktur, zum Beispiel eine vorher präparierte Route, bestiegen.  
Der Berg war dabei nie der Gegner, den es zu bezwingen galt, und auch die Natur war nie der Feind, den man in Schach halten musste. Pathos und Heroismus haben in seiner Welt keinen Platz. Der Berg ist für Messner nicht beseelt, er ist auch nicht heilig: „Der Berg ist einfach da.“ Aber man muss ihm Respekt entgegenbringen. Und ja, auch Angst spielt eine Rolle. „Wenn ich keine Angst hätte, wäre ich nicht mehr am Leben“, sagt Messner rückblickend, „ich habe mein Leben lang gekämpft, dass ich nicht am Berg oder im Eis umkomme. Die große Kunst des Abenteuers ist es, dort hinzugehen, wo man umkommen könnte und dabei nicht umzukommen.“ Seine schlimmste Niederlage, das sagt der 73-Jährige selbst, sei der Tod seines Bruders Günther 1970 am Nanga Parbat gewesen.
Ein Grenzgänger ist Messner oft genannt worden, einer, der die Grenzen austestet um an der Schwelle zum Tod neue Lebenskraft zu schöpfen. „Wenn ich das Leben aussetze und es dann wieder erobere, dann habe ich das Gefühl des Wiedergeborenseins“, beschrieb er einmal den Balance-Akt am „Prinzip Abgrund“, den er beileibe nicht als esoterische Prüfung verstanden wissen will, sondern als schlichte Auseinandersetzung mit sich selbst.
Die Veranstalter würdigen mit der Ehrung „Legende des Sports“ aber nicht allein das sportliche Lebenswerk herausragender Persönlichkeiten, sondern auch ihr karitatives Engagement. Reinhold Messner übernimmt nicht nur mit den Museen gesellschaftliche Verantwortung. Seine Stiftung, die Messner Mountain Foundation, unterstützt die Bergvölker in den Bergen des Himalaja, im Hindukush, in den Anden oder im Kaukasus. Die Stiftung finanzierte unter anderem eine Schule im Diamir Tal in der Kashmir-Region in Pakistan und leistete zusätzlich umfangreiche Wiederaufbauhilfe, nachdem Dörfer von Erdbeben und Überschwemmungen zerstört wurden.

Der Verein Frankfurter Sportpresse und der Verband Deutscher Sportjournalisten schätzen sich daher glücklich, den Ehrentitel „Legende des Sports“ an eine große Sportpersönlichkeit zu verleihen – an Reinhold Messner.

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