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Zwischen Traum und Albtraum - Frank Hellmann exklusiv für den VFS über die Fußball-WM 2026

  • jochenguenther
  • vor 12 Minuten
  • 8 Min. Lesezeit
WM 2026 - alles eine Frage der Perspektive.
WM 2026 - alles eine Frage der Perspektive.

Der Freie Journalist Frank Hellmann (59) hat sechs Wochen lang von der WM 2026 aus den USA berichtet. Er beschreibt, warum die Medienorganisation oft ein Ärgernis war; er erklärt, dass das German House of Soccer in New York das Beste war, was der deutsche Fußball in den USA geboten hat, und er schildert seine persönlichen Eindrücke von den Stationen in New York, Atlanta und Miami.

Der gebürtige Bremer hat seit der WM 2002 in Japan und Südkorea von jeder Endrunde berichtet. Seine Texte sind durchgängig in der Frankfurter Rundschau, der Ippen-Gruppe mit 13 hessischen Titeln und der G 14, einem Zusammenschluss von 14 Regionalzeitungen, erschienen.

 

 

Früher Vogel fängt den Wurm? Wer vor dem Endspiel der 23. Fußball-Weltmeisterschaft dachte, er könnte dem erwarteten Andrang und dem hohen Sicherheitsandrang durch den Besuch des US-Präsidenten Donald Trump entgehen, indem er schon sechs Stunden vor Anpfiff den Media Shuttle zum New York New Jersey Stadium nahm, wurde schnell eines Besseren belehrt. Riesige Menschenschlangen, wo nicht wirklich klar war, wo alles anfing und endete. Die spanische Zeitung „Marca“ nannte es ein "weltweites Fiasko", was im Vorlauf des Finals zwischen Spanien und Argentinien (1:0 n.V.) passierte: „Eine unzumutbare Situation, in der niemand Verantwortung übernahm.“


Peinliche Provinzposse vor dem WM-Finale


Die meisten Medienvertreter verhielten sich inmitten eines unüberschaubaren Pulks aus Volunteers, Bediensteten oder auch Mitwirkenden der Halbzeitshow ruhig. Die FIFA hatte allen akkreditierten Journalisten die frühe Anreise empfohlen. Doch es gab nur einen kleinen Kontrollpunkt mit gerade mal drei Scannern für Abertausende Akkreditierte. Irgendwie passte diese Provinzposse doch gar nicht zu dem, was FIFA-Präsident Gianni Infantino am Freitag auf Einladung von US-Präsident Donald Trump in dessen Tower in Manhattan an der Fifth Avenue hinausposaunt hatte. Dass es nicht nur die größte und beste WM aller Zeiten war, sondern „das bisher unglaublichste Ereignis in der Geschichte der Menschheit war, das bedeutendste sportliche, gesellschaftliche und kulturelle Event unserer Zeit“. Derlei Übertreibungen des FIFA-Präsidenten kamen infam daher, wer die Abläufe vor Ort erlebte.


Was die Nerven final strapazierte, zog sich durchs ganze Turnier. In dem Gestrüpp aus Zuständigkeiten fehlte es oft an einfachen Hilfen wie Hinweisschildern für die Busabfahrt. Und wo bitte waren eigentlich Volunteers an solchen Punkten? Die nachlässige Behandlung, vor allem der Nicht-Rechteinhaber, zu denen die Print-Journalisten mittlerweile gehören, begann gleich mit dem ersten Spiel im New York New Jersey Stadium, das von Manhattan auf der anderen Seite des Hudson River in einem ehemaligen Sumpfgebiet mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Grunde nicht erreichbar ist.


Offenbarungseid in Boston


Der von der FIFA Media App angepriesene Transport erwies sich für das erste Gruppenspiel zwischen Brasilien und Marokko als Vollkatastrophe. Kaum Busse, falsche Fahrpläne. Beim Hinweg suchten die Fahrer den richtigen Eingang, beim Rückweg ging im Siegestaumel der New York Knicks am Madison Square Garden nichts mehr voran. Gut, dafür konnte niemand etwas. Immerhin: Die Beschwerde fruchtete. Danach waren die kostenlosen Media Shuttle ein verlässliches Transportmittel, um auch zu abgelegenen Stadien zu kommen. Etwa die 35 Kilometer von Boston nach Foxborough. Die Busse nahmen auch Scharen betroffener deutscher Journalisten nach dem Ausscheiden wieder zurück in die Stadt. Wie bei der WM 2018 in Russland rutschte die DFB-Auswahl eher zufällig in die vorab geplante WM-Route. Wie in Kasan erlebte man in Boston einen Offenbarungseid. Und einen Mangel an Intensität und Identität, der im weiteren Turnierverlauf noch deutlicher auffiel.


Von Presseplätzen, die nicht immer optimal waren. In New Jersey oder Philadelphia landete der akkreditierte Journalist mitten unter den Fans in der Kurve. Getöse, Gedränge – ans Schreiben war nicht zu denken. Kein Desk, dafür aber Sitznachbarn, die Selfies machten, Popcorn holten, in den Hotdog bissen. Gewiss, auch eine Erfahrung, aber der Trip nach Philadelphia hatte ja rund 270 Dollar für das Zugticket und 400 Dollar die Übernachtung gekostet. Dafür saß man bei Brasilien gegen Haiti irgendwo im Oberrang zwischen einer aufgeregten Meute. Wer es dann irgendwann nach mehreren Klagen doch noch in die Pressebox schaffte, machte eine neue Erfahrung: Es mag im Winter beim American Football ja cool, oder besser gesagt erwärmend sein, hinter Glasscheiben zu sitzen, aber Fußball will man im Original unverstellt sehen, spüren und hören.


In Atlanta immerhin tötet keine Trennscheibe die Atmosphäre


Und wenn vorne der Fernseher lief, dahinter ein Radioreporter schrie, entstand ein Mix, der das Stadionerlebnis killte. Immerhin an die Perspektive konnte man sich gewöhnen. Und in Atlanta, einem großartigen Stadion mit Videorundumschirm und tollen Einrichtungen, waren die Presseboxen so konstruiert, dass keine Trennscheibe die Atmosphäre tötete. Hier die Aufholjagd von England gegen DR Kongo oder Argentinien gegen Ägypten zu erleben, war erhebend. Und die Kapitäne gingen mit magischen Kräften voran. Harry Kane, Lionel Messi. Hut ab! Immer wieder brillierten die Superstars.


Und dilettierten die Organisatoren. Auch in Atlanta, dem heimlichen Lieblingsort. Die lange Schlange vor dem Halbfinale England gegen Argentinien wuchs auf gefühlt fast einen halben Kilometer. Weil Bänder fehlten, die immer um Rucksäcke und Taschen kamen, ging gar nichts mehr. Den Prozess ohne Anbringen des Bandes abzuwickeln, kam der Security nicht in den Sinn. Zudem schickte ein FIFA-Mitarbeiter die ganze Medienmeute durch ein mehrstöckiges Parkhaus zu einem entlegenen Punkt, wo kein Media Entrance war. Dass so etwas kurz vor Anpfiff einen Protest- statt Jubelsturm auslöste, war klar. Und sollte beim wichtigsten Spiel in Atlanta nach so vielen Wochen nicht mehr passieren.


Nein, diese WM hat organisatorisch nicht den vollmundigen Versprechungen standgehalten. Kein Vergleich zu Katar 2022, als die im Vorlauf kritisierten Ausrichter mit viel Herzenswärme, mit viel Akribie Tausende Helfer postiert und alles bis ins Detail organisiert hatten, um die Abläufe sicher und komfortabel zu machen. Sogar mit Liebe zum Detail, wie Musikgruppen an Nadelöhren – und immer ein Lächeln auf den Lippen.


Pressekonferenz oder Mixed Zone -

beides zugleich war nicht möglich


Leider haben sich viele US-Spielorte erst gar nicht die Mühe gemacht, diesen Standard zu halten. Ansonsten in den Pressekonferenzen und den oft überfüllten Mixed Zonen das Übliche. Oft  viel Aufregung um wenig Inhalt. Eine WM ist ein Feuerwerk von Sprechblasen. Und doch: Selbst Megastars wie Kylian Mbappé und Lionel Messi stellten sich nicht nur einmal. Allerdings standen Journalisten immer vor der Wahl: Pressekonferenz oder Mixed Zone zu besuchen. Beide Zugänge zu erhalten, war nicht möglich. Auch zeitlich nicht.

Zusammen mit An- und Abreise war ein WM-Spiel im Grunde - ohne Flug – ein zehn- bis zwölfstündiger Aufwand, der dazu mit erheblichen Temperaturschwankungen verbunden war. Gerade die oft absurd heruntergekühlten Pressezelte ließen einen tatsächlich erschaudern. Was die FIFA überdenken sollte, sind die Dimensionen eines solchen Events. Ist mit weniger Akkreditierungen vielleicht mehr gewonnen? Müssen große Zeitungen wirklich zu dritt, zu viert vor Ort vertreten sein? Es ist als Freiberufler definitiv unmöglich gewesen, die Kosten wieder reinzuholen, wer nicht in den letzten Absteigen fern des Pulsschlags der US-Großstädte wohnen wollte. Eine Erfahrung fürs Leben war diese WM gleichwohl.


Gänsehaut gab es dann, als der Ball nicht rollte


Denn weder Infantino noch Trump konnten den Wesenskern zerstören: Noch immer vereint Fußball auf wundersame Weise die Welt, zumindest die Menschen, die keine Kosten und Mühen scheuen, um vor Ort dabei zu sein. Alle fröhlich, fast alles friedlich. Fantrennung gar nicht nötig. Der verbindende Charakter machte die wiederkehrende Faszination aus. Die inspirierenden Begegnungen kamen nicht im Mediacenter, nicht auf der Pressetribüne und erst recht nicht in der Mixed Zone zustande. Gänsehaut gab es gerade dann, als der Ball nicht rollte. Und eines auch mal gesagt: Grundsätzlich sind die USA bei der Digitalisierung einem Land wie Deutschland  weit, weit voraus. Subway, Busse, Bahnen, Fähren und Flüge – alles in Apps hinterlegt, alles zuverlässig. Wer das System durchschaut hat, will es eigentlich nicht mehr missen.


German House of Soccer - das Beste des DFB in den USA

Und generell ist der Amerikaner gastfreundlich, hilfsbereit, offen – und natürlich auch oberflächlich. Aber Smalltalk ging fast immer. Und letztlich hat ja jeder selbst die Option, mehr aus seinem Gegenüber herauszukitzeln. Als Goldstück erwies sich das German House of Soccer im Chelsea Industrial, einem aufstrebenden Bezirk von New York. Letztlich war es das Beste, was der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in den USA auf die Beine gestellt hat. Ein gut besuchter Treffpunkt mit einem abwechslungsreichen Programm, dass Deutschland wie einst 2006 von seiner besten Seite präsentierte. Weil es Menschen zusammenbrachte. Norweger und Australier, Österreicher und Amerikaner.


Hier entstand erst der Kontakt zur Initiative Hands off New York, die sich gegen das rigorose Vorgehen der umstrittenen US-Einwanderungsbehörde ICE stellt. Man musste die Aktivisten in dem Gewusel ausfindig machte, als Oke Göttlich vom FC St. Pauli sie in seiner Rede erwähnt hatte, aber nach einigen Gesprächen stellte sich heraus, dass Leiterin Hae-Lin Choi aus Bochum stammt, in Berlin studierte – und jetzt in New York viel über den Alltag vieler verängstigter Migranten zu erzählen hatte. Der Besuch bei ihr im Büro gegenüber vom bekannten Chelsea Hotel wird haften bleiben. Genau wie der bei Volker Ovelgönne, Leiter der International German School, draußen in White Plain. Auch hier entstand die erste Begegnung im Deutschen Haus.


Ein Goldpokal für goldige Schüler


Damals zur Eröffnung völlig zufällig. Zwei Norddeutsche auf einer Wellenlänge. Dann Nägel mit Köpfen gemacht, dass der deutsche Berichterstatter doch in der WM-Projektwoche mal seinen Schülern was erzählen kann. Haben alle wirklich zugehört? Egal, die Rückfahrt im gelben Schulbus war erhebend, dann die Chorprobe zu erleben, wie alle Frank Sinatra nachsingen – ja, da kommt immer noch Gänsehaut auf. Goldpokal für diese goldigen Schüler.  Euer Gesang war das Beste, was ich von der WM zurück nach Frankfurt genommen habe. Gänsehaut pur.


Die WM. Eine Gratwanderung zwischen Traum und Albtraum. In einem Land, das die Extreme irgendwie fördert. So war es eine WM voller Widersprüche. Mal riesig, dann rührig. Höhepunkte und Tiefpunkte als Berichterstatter wechselten in dieser Rasanz noch nie. 

Das Goodbye nach einer WM fiel schon mal schwerer. Vielleicht sollte es so sein, dass der geplante Flieger vom Airport Newark beim Beschleunigen auf der Startbahn eine Vollbremsung einlegte. Defekt am Fahrwerk. Notstopp. Notübernachtung. Einen Tag später ging es unter chaotischen Umständen zurück. Es wird Zeit brauchen, alles zu verarbeiten.


 

Anbei sei der Kommentar des Kollegen Stephan Uersfeld empfohlen, mit dem ich viele WM-Begegnungen und -Erfahrungen in Atlanta und Miami geteilt habe. Eine sehr zutreffende Beschreibung eines Vor-Ort-Journalisten.

 

 

 

Drei Spielorte, drei Streifzüge

 

New York

Aufregend. Atemraubend. Weil noch nie dort gewesen, stand der Mund erstmal offen. Nach der Landung gleich in den Central Park spaziert. Welch Flair! Was für Menschen. Wow. Fast eine Stunde beim Pickleball zugeschaut. So ungezwungen war die Stadt nicht überall, die einen zur ständigen Aufmerksamkeit zwang. Von früh bis spät. Nach ein paar Tagen den Mut aufgebracht, sich das City Bike zu mieten. Aber Achtung: Nur ein paar Straßenzüge haben die grünen Streifen, ohne die das Radeln ansonsten nicht möglich wäre. Gefährlich war’s auf diesen Spuren, denn die vorgegebene Fahrtrichtung missachteten die vielen Lieferdienste, die elektrisch in Highspeed über diese Spuren rasten. Und Autofahrer übersahen beim Abbiegen alles, was nicht aus Blech ist. Ehrlich gesagt: Alles ohne Helm abzuspulen, war verdammt leichtsinnig. Hat trotzdem Spaß gemacht.

 

 

Atlanta

Liebe auf den zweiten Blick nach dem Ortwechsel aus New York. Weniger hektisch. Anderer Bundesstaat, andere Menschen. Geburtsstätte von Martin Luther King Junior. Jeder US-Tourist sollte eigentlich zuerst ins National Center for Civil and Human Rights, um dessen Kampf gegen die Rassentrennung, den Einsatz für die Menschenrechte nachzuvollziehen. Und auch das Geburtshaus in der Auburn Avenue vermittelt einen Eindruck, wie sich das Leben in den 60er Jahren hier angefühlt haben könnte. Danach war der Beltine Rundweg nicht weit. Vor knapp zehn Jahren gebautes Eldorado für Radler, Jogger und Flaneure, um die Menschen aus Atlanta auf einem grünen Rundweg mit szenigen Locations drumherum auf andere Gedanken zu bringen. Sollte jede deutsche Großstadt mal drüber nachdenken, ob dieses Konzept nicht kopiert gehört. Vermutlich geht’s nicht, weil irgendwo eine seltene Kröte quakt.

 

Miami

Florida ist ganz anders. Urlaubsfeeling mischt sich mit, ja was eigentlich? Weitläufige Wohnsiedlungen, enormer Luxus, extreme Konsumgier. Von den Ausflügen mit dem Mietrad war der Trip nach South Beach der heißeste. Als Entschädigung fürs Strampeln gab’s Einblicke in eines der wildesten Partyareale Amerikas. Nichts für weiße Normalos. Schräge Feierkultur. Aufgedreht, überdreht. Es roch nach Rauschmitteln. Eine Lebenserfahrung. Vermutlich ist Lionel Messi hier nie gewesen. Allerdings könnte sein, dass ihn das beschwingte Jungvolk glatt übersieht. Krasseste Erfahrung abseits der Spiele. Fußball und die WM schienen nirgendwo so nebensächlich wie in Miami. Obwohl Lionel Messi hier so gerne spielt. Oder deswegen?

 




Foto-Impressionen der WM 2026, fotografiert von Frank Hellmann




 
 
 

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