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Eine Frankfurter Instanz - Herbert Neumann gestorben

Aktualisiert: 9. Dez. 2021

Eine Frankfurter Instanz hat die Bühne verlassen: Kurz vor seinem 95. Geburtstag ist Herbert Neumann in der Nacht zum 23. November 2021 in Schöneck bei Frankfurt an Herzversagen gestorben. Der Vollblutjournalist, der von gesunder Neugierde getrieben wurde, war mehr als 50 Jahre lang Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.). Der Berliner mit der flotten Schreibe und der kessen Lippe beschränkte sich nicht auf das Thema Sport, sondern war auch als Gerichtsreporter tätig.





Herbert Neumann beim traditionellen VFS-Weinabend Foto: Hartenfelser

Trauerrede von Steffen Haffner, Mitglied und Ehrenratsvorsitzender im Verein Frankfurter Sportpresse, auf der Trauerfeier am 7. Dezember auf dem Frankfurter Hauptfriedhof:


Liebe Ute, lieber Frank, liebe Freunde, liebe Kollegen, sehr geehrte Trauergäste,


Herbert Neumann hat uns verlassen. Die Einsicht sagt, mit fast 95 war die Zeit reif für den Abschied. Wir trösten uns damit, dass Herbert nach einem erfüllten Leben in würdevoller Umgebung friedlich eingeschlafen ist. Dass das Hin und Her der letzten Monate zwischen Pflegeplätzen und Krankenhäusern ein Ende hat. Und doch wollen wir es nicht wahrhaben, dass unser Freund und Kollege nicht mehr da sein soll.


Wenn wir sagen, Herbert wird uns fehlen, ist das keine Platitüde. Wo immer er auftauchte, veränderte sich das Klima. Da wurde es lebhaft mit Diskussionen, die der Berliner mit der kessen Lippe befeuerte. Da wurde gelacht, da zog gute Laune ein. Er war geachtet als Journalist und beliebt als Mensch. Herbert hatte viele Freunde und Bekannte, die seine Gesellschaft suchten. Das hatte mit seiner Gabe zu tun, leicht und heiter durchs Leben zu gehen. Mit Rückschlägen hielt er sich nicht lange auf. Er lebte im Jetzt, wollte nichts verpassen, was ihn interessierte und was ihm Freude machte. Doch auch Schicksalsschläge wie der Tod seines Sohnes Bernd blieben ihm nicht erspart. Da tröstete es ihn ein wenig, dass sein zweiter Sohn Frank fünfzehn Jahre lang als Mitarbeiter und Sportredakteur der F.A.Z. sich in seinen Fußstapfen bewegte.


Erstaunlich, wie locker Herbert an die zwanzig Jahre lang mit den Einschränkungen seines Augenleidens umging, das ihm nur peripheres Sehen gestattete. Ein Segen, dass moderne Sehhilfen es ihm ermöglichten, weiterhin zu lesen, nicht zuletzt die F.A.Z.


Mit Glück, Geschick und Mut hatte Herbert die Kriegs- und Nachkriegswirren überstanden, hatte den Horror der Bombenangriffe, die Hilfseinsätze im brennenden Berlin und als Soldat die letzten Kampfhandlungen überlebt. Als ihn die Russen in einem Lager in Mitteldeutschland festhielten, trug er dem sowjetischen Kommandanten couragiert sein dringendes Anliegen vor: „Ich möchte nach Hause nach Berlin zu meinen Eltern, nachschauen, wie es ihnen geht.“ Der Offizier, der gut Deutsch sprach, hatte Verständnis für den Achtzehnjährigen und stellte ihm den wertvollen Passagierschein aus.

Nach dem Zusammenbruch begann Herbert in Ost-Berlin eine Lehrerausbildung, entdeckte aber bald den Reiz des Journalismus. Er schrieb für Blätter wie das „Bauernecho“ und die FDJ-Zeitung „Junge Welt“. Doch seine westliche Gesinnung und seine kritischen Äußerungen über das DDR-Regime brachten ihn in die Bredouille. Nach einer Warnung von Freunden entzog sich Herbert 1956 dem Zugriff durch die Stasi mit der Flucht ins Rhein-Main-Gebiet. In der „Schönen Aussicht“ von Bergen-Enkheim fand er einen bescheidenen Unterschlupf. Während der ersten Zeit hielt er sich mit Gelegenheitsjobs vom Vertreter für Waschmaschinen und Versicherungen bis hin zum Aufsteller von Pins auf einer Bowlingbahn über Wasser.


Doch Herbert fand den Weg zurück zum Journalismus. Die Zeitungen, für die er als sogenannter „Freier“ tätig war, hatten damals in den fünfziger Jahren nicht viel Platz und nicht viel Geld. Entsprechend karg fielen die Honorare aus, die Herbert verdiente. Eine Wende zum Besseren brachte 1959 das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft zwischen der Frankfurter Eintracht und den Offenbacher Kickers. Die „Offenbach Post“ hatte Herbert nach Berlin geschickt, mit dem Auftrag Reportagen von der Stimmung zu schreiben. Dadurch wurde die F.A.Z. auf ihn aufmerksam, die ihn als Mitarbeiter anheuerte. Bis 1968 kümmerte sich Herbert um den damals zweimal die Woche erscheinenden Rhein-Main-Sport, den er auch in der Folge mit seinen konstruktiv-kritischen Beiträgen stark prägte. Mehr als vierzig Jahre lang schrieb Herbert für die F.A.Z., aber auch für die „Abendpost/Nachtausgabe“. Für beide Zeitungen war er auch als Gerichtsreporter tätig. Seine schwierigste Aufgabe meisterte Herbert, als er fast drei Jahre lang für das Boulevardblatt und eine Zeitlang auch für die F.A.Z. vom Auschwitzprozess berichtete und genau die Zeugenschilderungen der Gräueltaten wiedergeben musste.


Herberts Haupttriebfeder war seine Begeisterung für den Sport, den er selbst als eleganter Skiläufer, talentierter Tennisspieler und ballverliebter Fußballer auslebte. Dazu kam sein starker journalistischer Antrieb.

Sein blonder Kopf tauchte überall dort auf, wo etwas los war: bei der Eintracht im Waldstadion, bei den Auftritten der Eiskunstläuferin Marika Kilius mit Franz Ningel und Hans-Jürgen Bäumler, bei den Deutschen Turnfesten, die er, nicht zuletzt in Frankfurt 1983, dreimal als Pressechef mitgestaltete, bei den Shows von „Holiday on Ice“ in der Festhalle und vielem mehr. Daneben hat der umtriebige Mann, dessen vielseitige Interessen zum Leidwesen der Redakteure schon einmal seinen Zeitplan durcheinanderbrachten, Bücher über die Eintracht und über die Deutschen Turnfeste geschrieben und für den Hessischen Rundfunk Fernsehfilme produziert.


Im Juni 1971 war Herbert Zeuge, als Kickers-Präsident Horst-Gregorio Canellas während der Gartenparty zu seinem 50. Geburtstag mit dem Abspielen von Tonbandmitschnitten den Bundesliga-Skandal auslöste. Herbert berichtete von Olympischen Spielen, Fußball-Weltmeisterschaften und anderen Großereignissen. Sein Hauptaugenmerk aber galt dem Breiten- und Vereinssport.

Herbert zog Zeit seines Lebens die Freiheit der Sicherheit eines Redakteurs vor. Es war ihm fremd, zwischen Beruf und Privatleben zu unterscheiden. Zwischen den Terminen und dem Schreiben seiner Texte spielte er gerne Fußball oder Tennis. Und ließ auch anschließend Kaffee und Kuchen oder ein frisches Bier nicht stehen, schon wegen des Austauschs mit Gleichgesinnten.


Mit 60 Jahren lernte Herbert Ute kennen. Die beiden ahnten nicht, dass aus ihrer Liebesbeziehung eine eherne Verbindung von 35 Jahren, davon 24 Ehejahren, werden sollte. Zu Renate, seiner ersten Frau, pflegten Herbert und Ute bis zu ihrem Tod im Januar dieses Jahres einen freundschaftlichen Kontakt.

Ute ist mit ihrer Lebenslust aus ähnlichem Holz geschnitzt wie Herbert. Die beiden unternahmen viele Reisen, feierten mit Freunden und Bekannten und genossen ihr idyllisch gelegenes Wochenendhäuschen in Rothenbuch im Spessart. Später zog es die beiden immer wieder in ihre Ferienwohnung nach Garmisch. Des Öfteren kam Utes Sohn Heiko mit seiner Familie von München herüber. Und Herbert spielte gerne mit Vinzent, der auch für ihn zum Enkel wurde, Fußball.

Ute hatte an die zwanzig Jahre lang klaglos die Rolle der Chauffeurin übernommen. Das sicherte Herbert seine Mobilität und den ihm so wichtigen Austausch mit Menschen. Dafür hatte Herbert Ute in die Welt der Journalisten eingeführt.


In den vergangenen Jahren mehrten sich die gesundheitlichen Rückschläge. Herbert stand immer wieder auf und gewann dem Leben seine guten Seiten ab. Noch im September genoss Herbert den Anblick der Berge mit der Zugspitze. Doch so sehr die Ärzte sich mühten, so liebevoll seine Frau ihn pflegte, gewannen zuletzt die Krankheiten die Oberhand.


Herbert Neumann ist physisch nicht mehr unter uns. Er hinterlässt eine große Lücke, aber keine Leere. Denn die vielen guten Erinnerungen an ihn werden wach bleiben. Und wenn wir mit Wehmut an ihn denken, werden wir auch ein wenig lächeln.

Steffen Haffner



Trauerrede von Walter Mirwald, Ehrenvorsitzender des VFS


Liebe Ute, lieber Frank, verehrte Trauergemeinde!


Der Verein Frankfurter Sportpresse nimmt Abschied von seinem langjährigen Mitglied Herbert Neumann. Der Verein hat einen großartigen, vielseitig aufgestellten Journalisten, einen Visionär und einen kritischen Wegbegleiter verloren. Ich trauere um ein journalistisches Vorbild, um einen väterlichen Freund.

Zurück bleibt in der Stunde des Abschieds Dankbarkeit. Dankbarkeit für unzählige wunderbare Begegnungen. Ich denke dabei an das Deutsche Turnfest 1983 in Frankfurt, bei dem Herbert Neumann Pressechef war, an gemeinsame Fahrten zu Presskonferenzen und Sportereignissen und an die Zusammenarbeit in meiner Zeit als Pressesprecher des Deutschen Sportbundes.


Dabei ging es Herbert Neumann nicht nur um Siege und Rekorde, sondern besonders um das andere Gesicht des Sports: um Breitensport, um Vereinssport, um die so wichtige soziale Kompetente, die so treffend mit dem Begriff „Sport verbindet“ bezeichnet wird.

Sport hat mich mit Herbert Neumann verbunden beim Fußballspielen, bei Tennis-Matches, beim Skifahren. Herbert ist es zu verdanken, dass Generationen von Sportjournalisten mit ihren Angehörigen Skiseminare mit prominenten Gästen zunächst im Stubaital und dann in Hintertux verbringen durften. Herbert war der Initiator, der erste Teamchef, der damit eine Ära begründete. Denn vor wenigen Tagen fand das 43. Skiseminar des Vereins Frankfurter Sportpresse in Hintertux statt. Damit und nicht nur damit hat Herbert Neumann unauslöschliche Spuren hinterlassen.


Spuren hinterlassen nicht nur bei unserem Verein, sondern auch bei liebgewonnenen Wegbegleitern wie zum Beispiel bei Petra Roth, die mit ihrer Familie bereits in Hintertux mit unserem VFS über die Pisten wedelte, als sie noch nicht die Frankfurter Oberbürgermeisterin war. Sie gehört noch heute zu unserer Skigruppe. Sie hat mich gebeten, für sie mit zu sprechen. Sie würdigt Herbert als einen journalistischen Wegbegleiter, als treuen Freund und als zuverlässigen Berater.


Ich sehe Herbert in dieser Stunde vor mir stehen bei unseren Weinabenden im Rheingau und vor allen Dingen in der Weinstube im Frankfurter Römer. Er war mit seiner Ute immer dabei, er hatte immer etwas zu sagen, sein Wort hatte Gewicht.


Herbert hat unseren Verein, hat mich persönlich geprägt. Er ist nicht mehr unter uns, aber wir werden uns oft an ihn erinnern, wir werden ihn nicht vergessen. Der Verein Frankfurter Sportpresse wird Herbert Neumann ein ehrendes Andenken bewahren.

Walter Mirwald